Hans Kiepker im Alter von 26 Jahren

Hans Kiepker erzählt...

 

... im Jahr 1911 gründete mein Vater Fritz zusammen mit seinem Bruder Hermann in Lengerich ein Fotoatelier. Herr Schuckert, der bis dahin als Fotograf tätig war, hatte sein Gewerbe aufgegeben. Während mein Vater eine Ausbildung mit Stipendien in Buxtehude und Düsseldorf als Maler absolvierte, hatte mein Onkel Hermann bei einem Fotograf in Bünde gelernt. Im Hause meines Großvaters Hermann, der als Küster bei der evangelischen Kirche in Lengerich tätig war, entstanden die Dunkelkammer und unter dem Dach eine Werkstatt.

 

Im Hause Schulte in der Altstadt war ein Atelier für Aufnahmen angemietet. Während mein Vater vorwiegend Portraits nach Aufnahmen mit der großen Plattenkamera malte, bestritt Onkel Hermann den technischen Teil. Die erfolgreichen Anfänge wurden durch den Ersten Weltkrieg 1914-1918 unterbrochen. Mein Vater nahm als Sanitäter an den Kämpfen im Westen teil. Im Felde lernte er meine Mutter Marianne, geb. Autsch aus Würzburg kennen, die er im Jahre 1919 ehelichte.

Onkel Hermann kämpfte im Balkan und im Westen. Die Schwester meiner Mutter, Hilde Schmidt, hatte ihren Mann im Krieg verloren; sie heiratete meinen Onkel Hermann.

 

Da in der schlechten Zeit für zwei Familien kein Auskommen möglich war, ergriff Onkel Hermann die Chance, ein Geschäft in Burgsteinfurt zu übernehmen.

Mein Vater arbeitete, unterstützt von meiner Mutter, recht erfolgreich unter schwierigsten Umständen. Die Wohnung auf der Schulstraße 62, die Werkstatt und das Labor im Küsterhaus am Kirchplatz, das Atelier in der Altstadt.

Neben der Arbeit im Betrieb besserte meine sehr musikalische Mutter das Haushaltsgeld durch Geigen- und Mandolienstunden auf. Um beweglicher zu sein, benutzte mein Vater schon sehr früh ein Motorrad. Neben den Familienaufnahmen erweiterte er sein Arbeitsgebiet auf Industriefotografie. Die Firmen Windmöller und Hölscher sowie die Zementwerke nahmen seine Dienste in Anspruch. Das Ingenieurbüro Andreas schickte ihn bis in die Schweiz und nach Frankreich sowie nach Dresden und in den Alpenraum. Alle diese Strecken legte er mit dem Motorrad zurück. Während seiner Abwesenheit erledigte meine Mutter die Geschäfte mit Hilfe eines Gesellen, Herrn Fullgraf, der später zu meinem Onkel nach Burgsteinfurt wechselte.

Fleiß und Geschick sowie eine Erbschaft meiner Mutter ermöglichten den Kauf des Grundstückes an der Bahnhofstraße 32 im Jahre 1928. Trotz der schlechten Wirtschaftslage wagten meine Eltern auch noch einen kostspieligen Umbau. Das Geschäft war für die damalige Zeit sehr modern.

 

Nach diesem Erfolg traf das Schicksal unsere Familie schwer. Es starb mein 1920 geborener Bruder Klaus, die Großeltern Hermann und Sophie Kiepker, zwei Schwestern meiner Mutter, zwei Kinder von Tante Hilde und Onkel Hermann (Marion und Marianne) sowie die Großeltern in Würzburg. Der Aufbau des Geschäfts, die vier Kriegsjahre und die Schicksalsschläge hatten meiner Mutter derart zugesetzt, dass sie 1933 im Februar verstarb.

 

Es schmerzt mich noch heute, dass es ihr nicht vergönnt war, die Früchte ihres Fleißes zu geniessen. So stand mein Vater mit mir neunjährigem Knaben alleine in seinem hochbelasteten Haus. Unter Einsatz aller Kraft gelang es ihm, das Geschäft weiter auszubauen. Ihm zur Seite stand seit 1924 unser Gehilfe Willy Hauck, der bis 1976 unserem Unternehmen diente. Nach dem Tode meiner Mutter führte Frau Luise Beermann geb. Wellemeier bis 1939 unseren Haushalt. Sie heiratete 1940 den Malermeister Oberhellmann, einen Onkel des Buchhändlers Heinrich Oberhellmann. Danach kam Else Schmidt zu uns ins Haus, sie war eine geborene Quaritsch. Else Schmidt fand sich sehr gut im Geschäft zurecht, war meinem Vater eine starke Hilfe und mir eine gute Mutter. 1939 trat ich bei meinem Vater in die Lehre, wir hatten wieder ein Familienleben und die Geschäfte gingen gut.

 

Aber auch dieses Glück währte nicht lange, es brach der zweite Weltkrieg aus. Gehilfe Hauck wurde Soldat. Nach der Gesellenprüfung 1942 musste auch ich als 17jähriger sieben Monate zum Arbeitsdienst auf die Insel Sylt. Danach ging es zu Kriegseinsätzen nach Russland, Italien und Frankreich. Nach vier Verwundungen kehrte ich im August 1945 aus dem Feld zurück. Meine Mutter Else, die zusammen mit meinem Vater alle Kriegsjahre um mich gebangt hatte und mir fast täglich schrieb, war im Mai 1945 gestorben. Sie hat meine Heimkehr nicht mehr erleben dürfen.

 

Die Stadt durch Bomben und Besatzung geschädigt, unser Haus geplündert, begann mein Vater mit meiner Hilfe von Neuem. Zu uns ins Haus kam Charlotte Gutt, eine Cousine von Mutter Else, die ihren Mann nach einem Bombenangriff auf Osnabrück verloren hatte. Mit vereinten Kräften konnten wir alle Schwierigkeiten meistern, Vater heiratete Charlotte im Jahr 1955. Das Geschäft ging wieder aufwärts. Im Jahre 1952 legte ich die Meisterprüfung ab Der Aufbau nach dem Krieg begünstigte auch unsere heimische Industrie, aus der uns viele Aufträge zuflossen. Die technischen Anforderungen machten die Anschaffung neuer Kameras und Geräte notwendig.

Im Jahre 1956 heiratete ich Anneliese Michaelis, die in unserem Betrieb gelernt hatte. Aus dieser Ehe entstanden die 3 Töchter Marianne, Elisabeth und Charlotte. Ihr Vater Adolf, ein überaus fähiger Graphiker, stand unserem Betrieb mir Rat und Tat zur Seite. Die Bevölkerung in Lengerich nahm durch die Flüchtlinge stark zu, die Einkommen stiegen und somit auch unser Handelsgeschäft.

 

Im April 1963 erlag mein Vater einem Herzschlag. Während er den ganzen Tag noch im Garten gearbeitet hatte ereilte ihn das Schicksal auf Hof Höcker, als er sein geliebtes Pferd ausführen wollte.

 

Der Zustand unseres Hauses, an dem wegen fehlender Materialien die Kriegsschäden nur behelfsmäßig behoben waren und die gestiegenen Anforderungen des wachsenden Betriebes machten einen größeren Umbau erforderlich. Nach gründlicher Planung und Beratung durch den Architekten Feldwisch begann 1964 der Umbau. Neben einem Ausbau der Arbeitsräume wurde im Haus eine moderne Heizungsanlage installiert in den neuen Laborräumen wurden die neuesten Geräte aufgestellt. Im Atelier wurden die alten Scheinwerfer gegen eine Blitzanlage ausgetauscht. Die hohen Kosten wurden in den folgenden Jahren abgetragen.

 

1979 wurde ein neues Dach erstellt und der Laden vergrößert und modern eingerichtet. In den neuen Laborräumen konnten wir ab 1965 erstmals selbst Colorprozesse verarbeiten. Unsere Mitarbeiterzahl wuchs auf über zehn Personen an. 1978 bauten wir im Garten einen eigenen Parkplatz für sieben PKWs, Außerdem wurde aus dem Obst- und Gemüsegarten der Nachkriegsjahre ein Freiluftstudio, welches gerade bei Hochzeitsaufnahmen von der Kundschaft gut angenommen wurde. Während wir früher häufig diese Aufnahmen bei den Kunden machten kamen die Hochzeiten dank zunehmender Motorisierung zu uns.

 

Der Kreis unserer Industriekunden wuchs und damit die Ansprüche an unserer Ausrüstung. Es gelang uns immer, diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

 

1982 starb meine Frau Anneliese. Meine Tochter Elisabeth hatte gerade ihre Ausbildung als Fotografin bei den Firmen Opitz in Münster und Rösler in Bocholt mit Erfolg abgeschlossen und Ulrich Kiepker, geb. Budke, geheiratet. 1988 übernahm Ulrich Kiepker als Pächter des Geschäfts den Betrieb. Aus der Ehe zwischen Elisabeth und Ulrich stammen die Töchter Katharina (10.08.1983) und Magdalena (14.04.1985). Nach der Scheidung der Ehe im Jahre 1993 wurde dieses Pachtverhältnis gelöst und Elisabeth übernahm das Geschäft.

 

1996 legte meine Tochter Elisabeth die Meisterprüfung im Fotografenhandwerk mit Erfolg ab und führt seit dem den Betrieb mit Meisterhand und besonderem fachlichen Geschick.

 

2001 begann meine Enkelin Magdalena im Familienbetrieb ihre Ausbildung zur Fotografin, welche sie 2004 mit Erfolg abschloss.

2008 ging Magdalena nach Kiel an das Photo+Medienforum Kiel und machte dort den Handelsfachwirt.

2011 bildete Magdalena sich erneut am Photo+Medienforum in Kiel weiter und legte dort mit Erfolg die Ausbildereignungsprüfung ab.

Nun ist sie als leitende Angestellte im organisatorischen Bereich, wie auch in der Ausbildung der Auszubildenden tätig und noch vieles mehr.

 

Ich selbst mit meinen 87 Jahren und 72 jähriger Erfahrung stehe meiner Tochter Elisabeth wie auch meiner Enkelin Magdalena noch fast täglich mit Rat und Tat zur Seite und bin sehr stolz auf das nun fast 100 jährige Bestehen des Fotohauses Kiepker.



Stand: Oktober 2011